Dexter - Darf man einen Serienmörder mögen?

von Himbeerlola um 5:06 da reingeschubst: Fernsehen, TV-Serien

© ShowTimeEigentlich ist es nach den ersten 3 Folgen noch viel zu früh, um irgendwas über eine Serie sagen zu können. Die Schauspieler und Autoren haben sich genau wie der Rest vom Team noch nicht so richtig eingegroovt und als Zuschauer braucht man normalerweise auch ein paar Folgen mehr, um wirklich abhängig zu werden. Die Betonung liegt auf ‘eigentlich’ und ‘normalerweise’, denn bei Dexter, dem neuesten US-Megahit-Import auf Premiere, ist nichts eigentlich und normal schon gar nicht. Als Konsequenz bin ich Dexter entgegen meiner sonstigen Sehgewohnheiten schon nach dieser kurzen Zeit mit Haut und Haar verfallen.

© ShowTimeDexter Morgan arbeitet für die Polizei von Miami als forensischer Blutspurenanalytiker. Dexter liebt Blut über alles, obwohl er sonst nicht in der Lage ist, auch nur das kleinste Gefühl zu empfinden. Blut bestimmt sein ganzes Leben, selbst in der Freizeit. Seine Kollegen und seine Schwester, die ebenfalls Polizistin ist, ahnen nichts von Dexters anderer, dunkler Seite: Nach Feierabend gibt er seinen Trieben nach und mordet. Aber er ist kein wildes Tier, das einfach die nächstbeste Beute reisst, nein, er ist Dank der Erziehung seines Adoptivvaters, der Dexters ‘Potential’ schon frühzeitig erkannt hat, extrem organisiert und sucht sich akribisch den Abschaum heraus, dem es gelungen ist durch die Maschen der Justiz zu schlüpfen. Seine Opfer sind Kinderschänder, Mörder, Vergewaltiger und ähnlich liebenswerte Exemplare der menschlichen Rasse. Dexter nimmt sich Zeit für seine Kundschaft und schlachtet sie an von ihm sorgfältig präparierten Orten ab, um seinem Arbeitgeber keine Hinweise auf seine Person in Form von nachlässigen Spuren zu liefern. Damit kennt er sich ja durch seinen Beruf bestens aus und kann so die modernen Spurensicherungsmethoden zuverlässig umgehen. Er ist eiskalt, innerlich tot; er ist hochintelligent und berechnend, immer auf dem Srung. Und er lässt sich Zeit beim Töten und richtet es so ein, dass seine Opfer jeden einzelnen Augenblick bei vollem Bewusstsein erleben.

Das klingt grausam und ist es auch. Das Medium Fernsehen wird an die Grenzen des Zeigbaren getrieben und manchmal sogar ein Stück darüber hinaus. Da fliegt schon mal ein abgeschnittener Kopf über die Strasse oder die Kamera verharrt quälend lang auf ausgebluteten, wächsernen Leichenteilen. Überhaupt stellt die sorgfältige Komposition der Bilder einen Grossteil der Faszination. Die Kamera ist unfassbar nah dran - ein Auge, ein Mund, die Poren auf den Nasenflügeln, ein Schweisstropfen, der langsam den Nacken runter läuft, um dann wieder in der Totalen fast surreale Sets wie einen blendend schneeweissen Raum zu präsentieren, an dessen Wänden uns tiefrote Blutspritzer entgegen schreien. Das ist Eyecandy auf allerhöchstem Niveau, die Anziehungskraft des Grauens, der sich der Blick nicht entziehen kann.

© ShowTimeNeben den hochklassigen Bildern steht die Produktion auf zwei weiteren, fest betonierten Beinen: Hervorragend geschriebene Drehbücher, die auf den mir bisher unbekannten, aber offenbar genauestens bei allen verfügbaren Profilern recherchierten Romanen von Jeff Lindsay beruhen und Michael C. Hall in der Titelrolle, der sich als Casting-Jackpot sondergleichen entpuppt. Michael hat sich seit seinen Tagen als schwuler Bestatter in der Kultserie Six Feet Under unübersehbar weiterentwickelt, und stellt seinen schwierigen neuen Charakter auf geniale Weise dar. Er wirkt nicht mal sonderlich sympathisch und trotzdem mag man seinen Dexter, wenn auch auf eine merkwürdige, widerstrebende Art. Er zieht einen mit seinen ausgefeilten inneren Monologen ins Vertrauen, erklärt uns seine Welt, die eigentlich nicht erklärbar ist und macht uns zu seinen einzigen Mitwissern, fast zu einem Teil von sich selbst. Er schmeichelt mit seinem spitzbübischen Charme und erleichtert uns und die kaum erträglichen Bilder mit sardonischem Witz. Man hat sogar fast Mitleid, wenn Dexter einem seine Idee von Sozialverhalten am Arbeitsplatz oder einer Liebesbeziehung vorführt, denn mehr als eine Idee kann es für ihn wegen der Unfähigkeit etwas zu fühlen nie sein. Diese psychologischen Tricks erschaffen zusammen mit der Tatsache, dass sich Dexter ausschliesslich an Menschen vergreift, die es ‘verdient’ haben, einen der zwar nicht liebenswertesten, aber einen der charismatischsten Serienhelden aller Zeiten. Und er hallt auch noch lange nach dem Ende der jeweiligen Folge nach, indem er den Zuschauer mit ambivalenten Emotionen und grundsätzlichen moralischen Fragen zurück lässt. Das ist grosse Fernsehkunst.

“Was hab ich denn getan? Und warum bekomme ich diesen niedlichen Haufen von Körperteilen nicht aus meinem Kopf?” Dexter Morgan

Sollte ich jetzt jemandem den Mund wässrig gemacht haben, der nicht über Premiere verfügt: RTL2 hat sich die Rechte fürs Free-TV gesichert. Mir ist noch kein Sendetermin bekannt und es ist mehr als fraglich, wenn nicht sogar unwahrscheinlich, ob Dexter dort uncut ausgestrahlt wird. Aber die DVD-Box lässt sicher nicht mehr allzu lange auf sich warten.

Pics © ShowTime

Zum jetzigen Zeitpunkt:
★★★★★★★★★★ (11/10 = Kult!)

Offizielles Serialdexterheim

3 x Fremdplörre

  1. DerTim:

    Ich habe nur wenige Serien gesehen, die mich so gefesselt haben wie Dexter, es gibt keine Folge, der man schwächeln vorwerfen könnte, vielleicht mit Abstrichen der Letzten (keine Angst, ich werde nicht spoilern).

    Meine Schöne und ich habe letztens mit der 2.Staffel angefangen und die hat es bisher auch gewaltig in sich.

    Ich war genauso wie Du sehr erstaunt, was in dieser Serie alles möglich ist; selbst für die USA erschien sie mir sehr gewagt, aber letztendlich geht es ja nicht um Sex, sonst sähe es wohl ganz anders aus.

  2. Trackbacks:

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